🌊 Die These der Welle
Warum sich manche Paare trotz Liebe systematisch verfehlen
In der Paarberatung begegnet immer wieder eine Konstellation, die auf den ersten Blick irritiert: Zwei Menschen lieben sich, gehen respektvoll miteinander um, bemühen sich um Gespräche, vermeiden offene Eskalationen – und dennoch wächst in einem von beiden über Jahre ein Gefühl innerer Einsamkeit. Es gibt keinen offensichtlichen „Täter“, keine klaren Grenzverletzungen, keine groben Fehler. Und doch entsteht ein leiser, schleichender Riss.
In der Therapie ist diese Dynamik gut bekannt. Sie wird häufig beschrieben als „Sachlichkeits-Emotionalitäts-Falle“ oder als Pursuer-Distancer-Modell. In meiner Arbeit hat sich dafür ein anderes Bild als besonders präzise erwiesen: die These der Welle.
Sie beschreibt nicht in erster Linie ein Kommunikationsproblem, sondern ein Regulationsproblem. Sie erklärt nicht, was Paare sagen, sondern in welchem inneren Zustand sie einander begegnen. Und sie verschiebt den Fokus von Worten auf das, was davor geschieht.
Am Anfang dieser Dynamik stehen oft zwei sehr unterschiedliche innere Betriebssysteme. Auf der einen Seite ein Mensch, der stark systemisch organisiert ist. Er denkt ruhig, strukturiert, sachlich, lösungsorientiert. Er ist häufig beruflich geprägt durch technische, organisatorische oder verantwortungsvolle Rollen. Ordnung, Verstehen und Problemlogik sind seine natürlichen Mittel zur Stabilisierung innerer Spannung. Auf der anderen Seite steht oft ein Mensch mit hoher emotionaler Wahrnehmung. Beziehung, innere Prozesse, Selbstwertfragen und feine Stimmungen sind für ihn stark präsent. Er reguliert sich weniger über Struktur, sondern über Ausdruck, Resonanz und emotionale Verbindung.
Historisch lässt sich diese Differenz auch aus frühen Überlebenskontexten ableiten, in denen sich handlungs- und bindungsorientierte Funktionen unterschiedlich ausprägten, häufig entlang von Mann-Frau-Rollen. Das ist kein Gesetz und keine Zuschreibung, sondern ein verbreitetes Muster. Entscheidend ist nicht das Geschlecht. Entscheidend ist die innere Regulationslogik.
Die „Welle“ beschreibt nun den Zustand, in dem dieses emotionale Betriebssystem aktiviert ist. Sie ist kein Charakterzug. Sie ist kein Drama. Sie ist ein innerer Aggregatzustand.
Emotionale Menschen können sich sehr schnell aufladen. Eine anstrengende Woche, ein Gedanke, eine Erinnerung, ein Blick, ein Tonfall – und plötzlich entsteht das Gefühl: „Es ist gerade alles zu viel.“ In diesem Zustand denkt der Mensch nicht analytisch. Er denkt nicht über Ursachen nach. Er sortiert nicht. Er ist emotional aktiviert. Neurobiologisch ist hier vor allem das limbische System aktiv, das Zentrum für Emotion, Bindung und Sicherheit. Der Körper ist innerlich in Bewegung. Gefühle steigen auf, ohne dass sie bewusst produziert werden.
Was dann entsteht, ist kein Wunsch nach Erklärung. Es entsteht ein Wunsch nach Entlastung. Nach Geteilt-Werden. Nach Dasein. Die Welle will nicht verstanden werden. Sie will sich bewegen dürfen.
In diesen Momenten formt sich fast immer derselbe innere Impuls: „Sieh mich. Hör mich. Bleib bei mir.“ Nicht als Gesprächspartner. Nicht als Problemlöser. Sondern als emotionaler Ort.
Viele Frauen können diese Wellen mit Freundinnen abladen. Gespräche können beruhigen, entlasten, sortieren. Aber der tiefste Wunsch ist in den meisten Fällen ein anderer. Er richtet sich nicht an irgendeinen Menschen, sondern an den Menschen an ihrer Seite. „Ich möchte, dass du es bist.“ Nicht, weil der Partner besser trösten könnte, sondern weil emotionale Sicherheit an Bindung gekoppelt ist.
Hier liegt einer der zentralen Punkte der Wellen-These: Der Partner ist nicht nur Empfänger der Emotion. Er ist der Resonanzraum. Seine Präsenz ist nicht schmückend. Sie ist biologisch wirksam.
Wenn die Welle da ist, geht es nicht um Dialog. Nicht um Gegenseitigkeit. Nicht um Austausch. Es geht um Halten. Raum halten bedeutet in diesem Kontext, innerlich verfügbar zu bleiben, ohne Ziel, ohne Agenda, ohne Absicht. Es bedeutet, nicht zu relativieren, nicht zu erklären, nicht zu strukturieren, nicht zu spiegeln, um zu lenken, und nicht zu antworten, um sich selbst zu zeigen. Es bedeutet, bei ihr zu bleiben.
Sätze, die in diesem Zustand regulieren, sind nicht klug. Sie sind tragend. „Ich bin da.“ „Erzähl.“ „Du bist mir wichtig.“ „Ich höre dich.“ „Du musst das hier gerade nicht sortieren.“ Oft reicht am Ende nichts weiter als ein ruhiges: „Ich bin bei dir.“
Und dann Stille.
In diesen Momenten kommt sehr häufig eine scheinbar liebevolle Gegenfrage. „Und wie geht es dir?“ Oberflächlich wirkt sie empathisch. In der Wellendynamik ist sie jedoch oft kein echtes Umschalten, sondern ein Dankbarkeitsreflex. Ein inneres: „Ich will dir auch Raum geben.“ Genau hier entsteht eine der zentralen Fallen.
Denn biologisch ist die Welle hier meist noch aktiv. Sie hat sich noch nicht abgebaut. Wenn der Mann jetzt beginnt, von sich zu erzählen, zu erklären, in Inhalte zu gehen oder seine Perspektive einzubringen, verlässt er den Resonanzraum. Die emotionale Bewegung steht wieder ohne Gegenüber. Die Welle bleibt stehen.
Raum halten bedeutet in diesem Moment, nicht in den Austausch zu gehen, sondern zu führen. Etwa indem er sagt: „Es ist gerade nicht wichtig, wie es mir geht. Ich bin hier bei dir. Erzähl weiter.“ Das ist kein Egoismus. Das ist Regulationsarbeit.
Hier zeigt sich der Kernkonflikt vieler Paare. Der systemisch geprägte Mensch hört ein Problem und bietet Lösungen. Er will helfen, ordnen, beruhigen, klären. Der emotionale Mensch kommt jedoch nicht mit einem Problem, sondern mit einem Zustand. Er sucht nicht Struktur, sondern Validierung. Nicht Ordnung, sondern Resonanz.
Wenn der Mann sachlich reagiert, wirkt das auf das emotionale Gehirn nicht neutral. Es wirkt wie eine implizite Botschaft: „Dein Gefühl ist falsch. Unlogisch. Überflüssig. Hier ist die Lösung.“ Neurobiologisch kann Logik die Welle nicht stoppen. Sie erreicht das limbische System nicht. Im Gegenteil: Sie wirkt wie eine kalte Wand, an der die Welle bricht. Die Folge ist nicht Beruhigung, sondern Verstärkung.
Wenn diese Dynamik sich über Jahre wiederholt, entstehen Schutzmechanismen. Rückzug. Innere Distanz. Emotionale Sparsamkeit. Nicht aus Lieblosigkeit, sondern als Selbstschutz. Psychologisch lässt sich hier oft eine Form chronischer emotionaler Unterversorgung erkennen. Der Rückzug dient der Stabilisierung des Selbstwerts.
Die paradoxe Tragik liegt darin, dass die Frau sich zurückzieht, um sich zu schützen, während der Mann diese Distanz erlebt und noch sachlicher wird. Die Spirale schließt sich leise und stabil.
Die Wellen-These verschiebt den Blick weg von Schuld, Charakter oder Kommunikationstechnik. Sie beschreibt kein Liebesproblem, sondern ein Zustandsproblem. Nicht mangelnde Zuneigung ist der Kern, sondern eine Inkompatibilität der inneren Betriebssysteme.
Viele Frauen verhungern emotional an einem gedeckten Tisch. Nicht, weil der Mann kalt wäre. Sondern weil seine Empathie auf einer anderen Frequenz gesendet wird.
Die These der Welle macht diesen unsichtbaren Raum sichtbar. Sie zeigt, dass echte Verbindung nicht dort entsteht, wo Worte richtig sind, sondern dort, wo Zustände reguliert werden. Sie öffnet den Weg für Interventionen, die nicht reparieren, sondern tragen.🌊
© Lukas Welker · Autor & Herausgeber der digitalen Fachreihe
Paartherapie & Mediation · Nürnberg · mach-mediation.de
